Nestnachrichten, letzter Teil: Der Rest vom Nest
Ich konnte keine Rotschwänzchen mehr sehen. Nur hören.
Phüüüüüüüt zip, zip, zip zip, phüüüüüüüüt, zip zip zip. phüüüt, zip.
Ich hörte das Stimmchen der Rotschwanzmutter aus dem morgendlichen Konzert der Vögel heraus und schreckte nachts von Warnpfiffen hoch.
War das noch ein Ohrwurm? Oder schon ein Hörsturz?
Gestern riet mir ein huschender Schatten: “Zieh doch mal Leine, phüüüüüt, zip.”

(Real oder eingebildet? Beim zweiten Hinsehen war der Wäscheständer leer)

(OK. Die Wäsche hängt. Der Alltag hat mich wieder.)
“Guck mal unter ‘gemeinsame Dokumente’”, sprach da mein Mann betont beiläufig. „Da is was.“ Das hieß:
1. Er hatte mir über das Drahtlos-Netzwerk, das die sieben Rechner unserer vierköpfigen Familie zu einer labilen Einheit verbindet, etwas geschickt
2. Er war auf dieses „Etwas“ überaus stolz und wollte Lob
3. Sofort
Also ran ans Laptop:

(Mein Teil des elektronischen Familienverbunds, der von unserem Sohn als Alleinherrscher administriert wird. Eine weitgehend unbeachtete Facette der Jugendgewalt, übrigens)
Eigene Dateien, Andere Orte, …48 Objekte, … Öffnen, ….Oh!
Da war der Felsenbirnenbusch:
Und mittendrin saß wer:
Näher rangeschlichen:
Zoom voll ausgereizt:


(Ein junger Rotschwanz, wohlig aufgeplustert, in leises Selbstgespräch vertieft)
Ohne Zweifel das vermisste Ei III unserer Rotschwänzchen-Heldenmutter. Da hockte es und grinste seinen Ex-Vermieter herausfordernd an.
Mama startete Ablenkungsmanöver. Wie bringt man einen Menschen-Mann aus dem Konzept?

(In die falsche Richtung deuten?)

(Oder lieber irgendwelchen Sch.. mit seinem Auto anstellen?)
Bei all diesen Aktionen hielt Frau Rotschwanz eisern den Schnabel:
Sehr klug von ihr. Ihr Kind saß auf einem Ast in Kniehöhe, leichte Beute für Schnappschuss-Vater und Killer-Kater. Das Letztgeschlüpfte würde sich nicht rechtzeitig davonmachen. Es war von der langsamen Truppe. Schon daheim in der Kinderstube hatte den Nesthocker die Welt nicht besonders gereizt, aktiv zu werden:

(Was heißt, da draußen tobt das Leben? Das ist nur Mama!)
Die ganze Gegend viel zu groß:
Überall Gefahr:

(Wasserbottiche. Da kann man reinfallen)

(Gestrüpp und grüne Schlangen)
Und was ist das? Schleicht auf dem Boden rum, ist voll häßlich, sieht total böse aus…
Obwohl…

(Das hier passt natürlich noch besser auf Mamas Beschreibung. Sagte sie nicht was von Fell?)
Rotschwanzkind III fand es zuhaus gemütlich, ließ sich nie mehr am runden Fenster sehen, schickte die Geschwister vor und hatte schließlich das ganze Vogelheim für sich allein:


(Mama machte weiter die Wäsche)
Haus-Rotschwanz werden wie Mutter? Ist ja wohl keine Perspektive für einen Kerl.

(Die Alte soll mal nicht so drängeln, dass ich losfliege. Lieber selber noch paar Flugstunden nehmen. Wie sieht d a s denn bitteschön aus?!
M e g a-peinlich. Die Frau fliegt immerzu nur hochkant!)
Der Vater dagegen:

(Papa hatte Stolz und Würde! Mutti nennt ihn schräger Vogel. Hat die ihn überhaupt geliebt? … Und er sie? Da hab ich Zweifel.)

(Sie sollte etwas mehr aus sich machen. Dieser Schwanz! Voll dünn! Also mir wär der peinlich!)

(Tuning, etwas Farbe, ferrarirot-metallic! Das wär’s, da steh’ ich drauf… .)

(OK., Mutters Futter war immer lecker. Das da dagegen…. nennt sich ……V o g e l beeren…. Ich hoffe mal, dass ich kein Vegetarier bin.)
Klein-Meckermanns erster Ausflug war dann auch nur eine Kurzreise: fünf Meter Vogelhaus – Felsenbirne, one-way-ticket. Doch Rotschwanzmama wusste, wie sie das Nörgeli höher, weiter und in sichere Gefilde lotst: Mit Heimweh-Fressen:

(Ein kleiner Wurm für einen Mann,…)

(Ein fetter Braten für einen Rotschwanz…)

(Schnabel leer, Mutter hat geliefert: Treibstoff für ihr faules Ei)
An dieser Stelle überwältigte meinen Mann wohl der Appetit. Seine Bildserie brach ab. Er hatte den Garten ja nur betreten, weil laut seinem PDA die Blaubeeren reif sein mussten. Wieso ging ein GPS-User wie er dabei Umwege? Die Felsenbirne liegt abseits der Geraden von A (Haustür) nach B (Blaubeerbüschlein)

(Blaubeeren kann man finden ohne zu suchen. Sie wechseln nie den Platz, im Unterschied zur Wurst im Kühlschrank. Nur dass sie nicht reif sind, ist Käse.)
Mein Mann hatte den Umweg für mich gemacht! Zum Dank verrate ich ihm was: Felsenbirne ist essbar! “Prima-Papa-Razzi!”, honorierte unsere SMS-trainierte Tochter den Foto-Trip ihres Vaters.
“Jetzt ist endlich Schluss mit den Vogel-Viehchern, ja?”, vergewisserte sich mein hungriger Mann hoffnungsvoll. “Da könnten wir doch das Nest essen!”
Liebe Blog-Leser, ich bin stolz. Die Welt hat mir drei dicke selbstbewusste Hausrotschwänze zu verdanken! Noch sind sie etwas gelbstichig, aber das legt sich vielleicht noch. Schuld an meinen epischen Berichten ist dieses kleine Buch. Erst dann kam der Vogelhauskauf, danach dann die Vögel, für die ich in einer Nacht dreimal in den Garten rannte, um den Kater zu vertreiben. Genaugenommen hat mich dazu aber auch eure lebhafte Anteilnahme motiviert. Ich wollte ja kein Vogelgrab als letztes Bild… obwohl Drama auch immer gut kommt. Ich hoffe sehr, ich krieg jetzt nicht noch ne Meise. Mit einem freundlichen phüüüüüüüt, zip, zip, zip! verabschiede ich mich von der Vogelfront.Uta :)
Kleine Chronik des Rotschwanz-Watchings:
1. Nestbau-Beginn am 1.Juni
2. Abschluss der Innenausstattung am 4.Juni
3. Wir finden leere Eierschalen am 20.Juni
4. Klein-Rotschwanz Nr.1 ist da: am 3.Juli
5. Schwänzchen II zieht aus: 5.Juli
6. Nesthäckchens erste Reise und Abschied: 7.Juli
eingewurzelt unter: Garten allgemein
Vor einem Jahr
Mangosamen "gekeimt" aus der Frucht bringen!









12 Kommentare bisher
KommentierenLiebe Uta,
auf deine drei gefiederten Bengelchen kannst du auch stolz sein. Und genauso auf deinen Enthusiasmus. Und was deine Trauer um ihren Auszug angeht, will ich dir 2 Dinge sagen:
Niemals geht man so ganz.
Und:
Ich kenne eine Frau, die seit 25 Jahren Katzen züchtet. 30 junge Kätzchen entläßt sie cirka pro Jahr in ein neues Familienleben bei anderen Menschen, und sie heult heute, nach 25 Jahren, noch immer Rotz und Wasser, wenn eines davon das Heim verläßt, in dem es geboren und “groß” geworden ist.
Sei nicht traurig, wenn Frau Rotschwanz von diesem Nest überzeugt war, wird sie wiederkommen. Und wenn nicht… meisisch ist auch recht einfach ;-) *zi-zi-bee* (übrigens, schwäbische Meisen singen *zi-zi-bää* *g* Auch Vogis haben Dialekte…)
Tausend Dank, aufmerksamer Mann-von-Uta! (Uta, der ist echt zu gebrauchen!)
Die Kleinen sind einfach soooo plüschig! Knuffig!
Echt toll, dass du uns da so nahe dran teilhaben lässt!
Lg, Distel
Liebe Uta!
Das war für mich, der beste Foto-roman des Sommers.Einfach toll!!!!!!!!!!!
Gruß Venlona
Mensch Uta! Was für eine goldige Geschichte! Dankesehr :-)
Ich möchte auch noch mal ganz herzlich DANKE sagen ……. einfach toll, toll, toll ……… und mir kam so vieeles von Deinem Mann echt bekannt vor…. “CT”, Pda, Netzwerk …… vielleicht liegt es daran, daß mein Lebensgefährte bald Diplominformatiker ist *gg*
Ich bin sicher, daß sich neue Mieter für das tolle Heim einstellen werden und hoffe, daß Du dann wieder so unterhaltsam berichten wirst.
Den Rotschwänzigen wünsche ich eine gute Zukunft ……. und vielleicht kehrt ja auch eines der Kinder zu Dir zurück im nächsten Jahr, die wissen auch, wo es ihnen gut geht und sie sich wohl fühlen können ;-)
Liebe Grüße
jK
Keisha, zi-zi-beh bzw. bähh – das wäre zuviel für mich. Ich habe mit Mühe das schrille Hex-hex von Bibi Blocksberg überlebt, mit dem mich meine Tochter jahrelang folterte. Gut, dass ich jemanden kenne, der weiß, wer Katzen züchtet. :)
gärtnerin, ich wollte euch eigentlich Vögel näher bringen… Über meinen Mann kann ich noch sagen, dass er auch großzügig und vorausschauend ist. Gerade hat er einen großen Beutel teurer Öko-Bio-Sonnenblumenkerne, geschält+leicht geröstet, gekauft für die Vögel im Winter. Und ist dabei, diese zu verkosten.
Distel, Venlona, Belen, ich liebe Lob mit so vielen Ausrufezeichen!!!! Kann ich mir immer angucken, wenn ich mal nen schlechten Tag hab.
Die Jungvögel übrigens, sind gar nicht mehr goldig. Sie nehmen langsam einen dunkleren Farbton an und auch das – lächerlich kurze – Schwänzchen wird rot. Lustig ist es, wenn sie versuchen, damit zu wackeln – es haut sie fast um.
Sie verstecken sich auch nicht mehr besonders – ich guck aber lieber nicht mehr hin…
jey-Key: Wenn sich drei Jahrgänge ct angesammelt haben, kannst du den ältesten wegschmeißen ohne zu fragen. Sie merken es nicht.
Übernimm nie (!!!) die Verantwortung für Ladegeräte (sowie andere Kabel). Oder beschrifte sie wasserfest und hänge jedes einzeln an einen Haken o. Nagel. (keine Kiste oder Schubfach, das ergibt einen dramatischen Fitz) Wiege dich nicht in Sicherheit, wenn er jetzt nur drei hat und behauptet, er überschaut das.
Beschaffe dir ein kleines Buch aus Papier und schreib dort alle wichtigen Namen und Adressen und Telefonnummern rein – und warte auf den Tag, an dem er dich bittet, da mal schnell was nachgucken zu können. Der kommt bestimmt.
Wenn du gerade mal nichts zu lachen hast, kauf ihm eine Spracherkennungssoftware und beobachte, wie er seinem Computer beibringt, zu schreiben, was er sagt. Es gibt nichts Besseres als Gute-Laune-Mittel.
Für Frauen, die nachtaktive Männer lieben, sind Informatiker perfekt!
Hat ganz viel Spaß gemacht, die Bilder immer wieder anzugucken, diese niedlichen weichen Federbällchen mit dem Unschuldsblick, bin ganz vernarrt! Und die Mutter, so schön und anmutig. Und die unterhaltsame Geschichte dazu, einfach super! vielen Dank.
Einfach nur toll…Uta!!!! Ich hoffe das dein schönes Vogelhaus nächstes Jahr wieder ein paar nette Mieter findet und wir dadurch wieder in den Genuss kommen deinen sooooo interessanten Vogel-Berichterstattungen mit den tollen Fotos zu folgen :o) Bis dahin ein freudiges “Phüüüüüüüt zip, zip, zip zip” ;o)
Hallo Uta, ich bin wahnsinnig neugierig ob in diesem Jahr das schöne Vogelhaus wieder Besitzer hatte.
Lieben Gruss
Nein, Dorothea. Kein Vogel hat sich dafür interessiert. Dafür wohnte jemand in unserem Rollokasten, aber leider für mich unsichtbar.
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