Die alte Gärtnerin, der alte Garten
Die alte Gärtnerin geht auf die 90 zu. Sie ist geistig hellwach, belesen und umfassend interessiert an ihren Kindern und Kindeskindern und Urenkeln, dem Weltgeschehen, gutem Essen, und allen Menschen, die sie trifft. Sie hat Glück und viel Unterstützung durch Nachbarn, die u.a. ihre Wäsche machen und für sie einkaufen, Essen-auf-Rädern und eine Haushaltshilfe. Sie isst gern Spargel, hat immer frische Blumen (alternativ: Hortensie, Orchidee) auf dem Tisch stehen und kocht guten Kaffee für unser wöchentliches halbes Plauderstündchen, bei dem ich mehr über sie, ihre Familie, niederländische Geschichte und Lelystad-Stadtgeschichte lerne (sie war mit bei den ersten, die das neue, aus dem Meer gewonnene Land besiedelt haben vor 40 Jahren), und mit einem kleinen alten Löffel, der hinten mit einem kleinen Foto eines Enkels belegt ist, den Kaffee umrühre, während die Standuhr im Hintergrund tickt.
Sie ist keine Oma, sondern eine Dame. Und: Sie liebt ihren Garten. Gepflegt, sehr gepflegt. Sie fährt noch gelegentlich Auto, um Kinder zu besuchen, macht kleinere Ausflüge selbst. Die Beine machen aber schon seit Jahren Beschwerden, und sie kann sich nicht mehr gut genug bewegen, um den alten Garten am Waldrand, den sie vor dreißig Jahren zusammen mit ihrem Mann angelegt hat, selbst zu unterhalten. Sie ist erst seit wenigen Jahren Witwe, und der Hilfs-Gärtner, der drei Sommer den Rasen gemäht und die Beete beigehalten hat, ist nun in Rente gegangen, und möchte statt Gärtnern lieber mehr Zeit mit seiner Frau verbringen und reisen… So hat man uns zwei denn zusammengebracht – gegenseitig “anempfohlen”, und seitdem ist es mir ein riesengroßes Vergnügen, ihren Garten zu pflegen. :-)
Ich habe bewusst keine Bilder vom Garten gemacht. Nicht alles muss ins Internet, und Intimsphäre muss auch mal gewahrt bleiben können. ;-)
Der Garten ist alt-eingewachsen, überwiegend halbschattig am Waldrand, und enthält so ziemlich alles, was man sich zu einem solchen Menschen passend vorstellen kann: 10 m Gartenweg am Eingang, beidseitig bewachsen mit Schneeheide in weiß und rosa, riesigen Polstern. Ein großer alter Wacholder als Blickfang im Inselbeet, mit alten Bergenien, Akeleinen, Pfennigkraut, Immergrün, Ziernesseln und zigtausend Traubenhyazinthen unterpflanzt, natürlich umgeben von gut gepflegtem Rasen, eine Zier-Johannisbeere, eine Brombeere am Terrassenrand, einige betagte Kletterrosen, gut in Schuss. Viele alt-eingewachsene Stauden-Horste von Fetthenne, Hornkraut, Gemswurz, und eine Heerschaar alter Zierquitte-, Forsythien-, Johannisbeer- und Hortensien-Sträucher, die wohl im Lauf der Jahre nach dem Hortensienhecke-Sammel-Verfahren zusammengekommen sind. Und sie liebt ihren Ranunkelstrauch, der gerade blüht. Nachteilig, dass er für so geordnete Verhältnisse zu wild ist, weswegen ich Ausläufer noch und noch entferne, um ihn in Schach zu halten, ebenso wie den aus dem Wald herandrängenden Giersch.
Warum ich diesen Beitrag schreibe, weiß ich eigentlich nicht so genau, schätze mal, weil das alles was mit mir macht. Ich hab sie gern. Sie ist bis vor kurzem eine Fremde gewesen, und ist nun nach so kurzer Zeit schon eine absolute Bereicherung für mein Leben. Und daneben lässt sich mich auch über Eingeschränkt-Sein und selbst Alter-Werden nachdenken, Dinge, die man verdrängt im Leben, solange sie einen nicht betreffen.
Ich kann echt Hortensien schneiden, und tue das auch bei meinen immer sehr sorgfältig. Aber ihr solltet mich mal gesehen haben, als ich ihre geschnitten habe. Wenn Du alte Hortensien für eine sehr alte Dame schneidest, die ihre Hortensien liebt, denkst Du vor jedem einzelnen Schnitt darüber nach, ob Du vielleicht versehentlich eine Blüte abschneidest, die diesen Sommer, der vielleicht ihr letzter sein könnte, dann fehlt.
Ambivalente Gärtner-Gefühle kippen einfach um, bzw. werden charmant beiseite gefegt: Neben peniblem Unkraut-Jäten werden Garten-Wünsche an mich herangetragen, die mit jedem anderen Gartenfreund zu lebhaften Diskussionen führen, bzw. bei denen ich mich normalerweise einfach weigern würde. Zum Beispiel, Tulpen, Narzissen und Traubenhyazinthen einfach nach der Blüte komplett abzuschneiden, und nicht stehenzulassen, bis sie eingezogen sind, und das Laub braun ist. Weil´s nicht gut für die Pflanzen ist. Sie hat das schon immer so gemacht, hat ihren Garten halt sehr gern sehr aufgeräumt, und fürchtet eine weitere Selbstaussaat von Traubis. Weil: Die Blumenzwiebeln wachsen und blühen bei ihr trotz dieser Behandlung wie verrückt, und mehr kann der Garten ihrer Meinung nach nicht verkraften. Und sie freut sich, wenn die verblühten Tulpen endlich nicht mehr zu sehen sind. Und ich tue es, obwohl ich es im eigenen Garten nie-nie tun würde.
Ich jäte und hacke, schneide einzelne, unschöne Bergenien-Blätter aus, rupfe blühende Stauden-Sämlinge zwischen Pflasterfugen weg, steche jegliches Unkraut im Rasen aus, hebe braune Blättchen einzeln auf, handverlesen sozusagen… Wir haben total verschiedene Garten-Unterhalts-Stile. Jedem anderen würde ich an den Kopf ballern, dass das alles altmodisch ist, und den Boden verarmen lässt, wenn kein Blatt drauf liegenbleiben kann, ihm was von Mulchen, Humusbildung, Bodenfruchtbarkeit usw. erzählen… Bei ihr spare ich mir das, bringe nächstes Mal einfach einen Sack Pflanzerde mit, um den Boden aufzubretzeln und die Wasserhaltefähigkeit einigermaßen wiederherzustellen, damit die Sommerblumen einen guten Start haben… Verrückt. Ich pflanze Tagetes, die sie selbst am Fensterbrett aus Samen gezogen hat, und gekaufte Eisbegonien, Fleißige Lieschen und Fuchsien, ganz ordentlich, und freue mich, wenn sie sich freut. Über jede Blüte.
Ich sorge mich, wenn an verschiedenen Stellen im Garten eingetrocknete Häufchen Unkraut liegen, weil ich daran sehen kann, dass sie doch wieder versucht hat, vom Rollator aus irgendwo mühsam was zu jäten. Weil: Es kribbelt ihr in den Fingern, und sie kann sie nicht stillhalten, auch unter Schmerzen nicht. Neulich hatte sie dicke Knie, und konnte sich kaum noch rühren, weil sie es übertrieben hat, die alte Gärtnerin. Ihre Kinder haben mit ihr gesprochen, ob ein Pflegeheim nicht vielleicht doch besser wäre, wenn sie den Rest ihrer Bewegungsautonomie weiter einbüßt…. Ich mach mir Sorgen. Das wäre nicht der richtige Ort für sie. Ich frage mich, was sie da zwischen all den alten Menschen wohl sollte, und kann mir vorstellen, wie sie sich ohne ihren Garten fühlen würde …
Und ich frage mich etwas völlig Neues, Ernstes: Wird das bei mir eines Tages vielleicht auch mal so sein, dass ich immer noch in den Garten will, aber es alleine nicht mehr schaffen kann? Und werde ich dann hoffentlich jemand finden, der mir hilft, und für mich die geliebten Pflanzen entsprechend aufmerksam behandelt?
eingewurzelt unter: Garten allgemein
Vor einem Jahr
Holland-Blog


22 Kommentare bisher
KommentierenEin schöner, zum Nachdenken anregender Beitrag.
Maren hats mir vorweg genommen. Ein wirklich sehr schöner, einfühlsamer Beitrag! Ich hoffe Du wirst noch lange die Gesellschaft der alten Gärtnerin genießen können – und sie deine!
“Warum ich diesen Beitrag schreibe, weiß ich eigentlich nicht so genau …”
Ich kann es dir sagen liebe Steffi, weil z.B. ich als Liegestuhlgärtner ihn lese und mich total daran freue. Evtl. verpack ich ihn mal in einer Predigt?! Darf ich? Das kann ich gut meiner Gemeinde vorlesen, die werden begeistert sein. Ansonsten Grandios geschrieben …
Liebe Grüße Ralf
Ich finde es spricht für dich, Steffi, dass du dich den Gartenwünschen der alten Dame anpasst, dass du dich um sie sorgst und dass du diesen Beitrag für uns geschrieben hast.
Mit dem Problem des Älterwerdens werden wir alle früher oder später konfrontiert, ich im Moment durch meine Mutter und durch die Eltern einiger Freunde und deren Sorgen.
Wie es uns einmal gehen wird wissen wir nicht und ich denke das ist ganz gut so. Zum Thema noch ein Zitat, weiß allerdings nicht von wem: “Jeder will alt werden, aber keiner alt sein.”
Schön, liebe Gärtnerin, da haben sich zwei gefunden! Irgendwie erinnert mich dein Beitrag auch an meinen Vater. Der ist 92 und unterhält seinen Garten noch alleine! ;-)
Das ist ein wirklich sehr schöner Beitrag. Er widerspiegelt so viel… zeigt Erkenntnisse, regt zum nachdenken an, spricht einen total an. Und zeigt auch – irgendwann gibt Ruhe und Gelassenheit Kraft, es muß nichts Neues mehr hinzukommen. Auf der anderen Seite steht dennoch das Neue, Drängende – respektiert aber auch das Altbewährte. Ein Entgegenkommen, das Freude spendet und Frieden gibt. Sehr schön.
Peter S
Dein Beitrag macht nachdenklich und berührt mich sehr.Auch ich kenne eine ähnliche Gärtnerin,nicht mit vielen Blumen, eher Nutzgarten,90 Jahre alt und immer noch im Garten zugange Erdbeermarmelade kochend für eine große Familie und dankbare Nachbarn(wir).Himbeeren, schwarze Johannisbeeren usw. auch die werden von ihr zu
Marmelade verarbeitet.schön dass es solche Gärtnerinen gibt.
Hannchen
Eine wunderschöne, anrührende, zum Nachdenken anregende Geschichte. Vielen Dank, dass Du uns an einer Zweisamkeit Teil haben läßt, wie sie wohl nur wenigen vergönnt ist. Man kann sich die Dankbarkeit der Gärtnerin, die Dich aus ihren Augen anlächelt förmlich vorstellen…und das tut so gut. Ich hoffe, ihr erlebt noch oft das Aufgehen der einzelnen Blüten und freue mich auf Deine nächste Geschichte über die 90-jährige Gärtnerin.
Rina
Danke für Eure Kommentare, und viele Grüße an alle jungen und alten Gärtner. Ob ich eine Fortsetzung hierzu schreibe, kann ich noch nicht sagen.
Ralf: Die Antwort kennst Du. Bericht erbeten, wie es war. ;-)
Hallo Steffi,
Das ist schön!! Geniese es so lange es nog geht!!
Doe die Mevrouw maar de groeten van mij! Ik woon in Limburg…helemaal aan de andere kant van Nederland!
LG von Thea
das war seit dem ich Gartenblogs verfolge, der schönste und einfühlsamste Bericht!
uns Allen noch ganz viele, viele glückliche Gartenjahre…
Liebe Gärtnerin,
auch von mir einen herzlichen Dank für Deinen Bericht. Ich fühle mich davon gerade sehr berührt, da ich vor wenigen Wochen die Pflege meiner ebenfalls auf die 90 zulaufenden Oma übernommen habe. Ich hatte schon immer ein enges Verhältnis zu ihr. Aber nun sind wir uns noch einmal näher, auf eine andere Art und Weise.
Ich stelle fest, dass es eine beglückende Erfahrung ist, wenn Menschen die Pflege (auch die des Gartens) annehmen und sich nicht nur grämen, dass sie es selbst nicht schaffen. Bei meiner Oma ist das so. Sie hat alle Unterstützung verdient, die sie braucht, und sie nimmt sie, einfach so.
Und es macht eine Menge mit einem. Ich selbst verändere mich, stelle neue Fähigkeiten an mir fest. Aber auch sie, meine Oma, verändert sich. Sie entwickelt einen Humor und eine Gelassenheit, die sie früher nicht besaß. Es ist wunderschön, daran teilhaben zu dürfen.
Danke, dass Du davon erzählt hast, Gärtnerin.
Herzliche Grüße,
Bianca
Einfach schön… :-)
Hoi Thea. Leuk, een nederlands tuinblogger te leren kennen en een gartenblog in het Nederlands te lezen! :-)
Danke, Gartenpee. Ich bin gerührt.
Danke, dass Du mich auch teilhaben lässt an dem was Du erlebst, Bianca. Fühle mich verwandt in den was Du auch gerade erlebst. Eine gute Zeit mit Deiner Oma, und viele Grüße!
Schön geschrieben!Lustig, weil meine Lieblingsfrühblüher ausgerechnet TRAUBENHYAZINTEN sind.Die heißen im Osten übrigens “Schornsteinfeger”.
Ansonsten für die Gärtnerin noch einen eigenen Tip gegen “Herbstblues”: ROSENBLÜTEN-Meersalzbad dazu
Schlehenwein oder Sekt- je nach Laune ,und wer mag : Musik von Ida Sand oder Sting…
Heute alle Stauden im alten Garten abgeräumt, letzter Durchgang. Nur noch einmal wiederkommen zum Laub zusammenrechen. Mein Gartenjahr mit ihr geht zu Ende. Ich hoffe auf wenigstens noch eins. Im Winter darf ich zum Kaffee kommen.
Ich hab Angst. Drohende akute Lungenentzündung.
Der alten Gärtnerin auf diesem Wege ganz viele gute Wünsche. Sie soll sich schön pflegen, damit Ihr noch viele gemeinsame Gartenjahre habt. *ganz viele positive Gedanken rüber schick*
So zum Jahrestag: Wie geht es der alten Gärtnerin?
Glücklicherweise wieder gut, bzw. täglich besser. Sie war kürzlich wegen einer Lungenentzündung besorgniserregend außer Gefecht, aber nun geht es wieder bergauf. Im Moment sind wir beide anspruchsloser an die Gartenpflege, weil ich ja wegen Bandscheibe auch nicht kann wie ich will. Dafür geht Kaffee trinken und quatschen.
Fein, dann wünsche ich euch beiden viel Spaß beim Kaffee trinken und dir natürlich gute Besserung – bei der alten Gärtnerin wird da ja leider nicht viel zu bessern sein (sehe das bei meiner 96jährigen Großtante…), aber solange die Gute Laune erhalten bleibt ;-)
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