Gärtnerin · 27. April 2010, 09:02

Veredelungsunterlage macht sich frei

Nicht nur bei Rosen-Wildtrieben kann man Probleme kriegen. Auch andere veredelte Pflanzen können aus der sog. “Unterlage”, also dem “unedlen” Pflanzenteil unter der Veredelungsstelle, der die Wurzeln zur Verfügung stellt, austreiben und Wildtriebe bilden, die im schlimmsten Falle beim abschneide-faulen Gärtner den Edelreiser vollständig überwachsen und zu ganz unschönen Ergebnissen führen. Oder jedenfalls die Pflanze gar nicht mehr so aussehen lassen, wie sie gedacht war. Das nennt man “die Unterlage macht sich frei”, und wie sehr sie das tun kann, sieht man gleich.

Dass das gerade auch für Obstbäume und Zier-Bäume wie veredelte Zierkirschen etc. gilt, kann man in der Nachbarschaft hier gleich zweimal eindrucksvoll sehen, weil sie gerade blühen. Direkt nebenan im Garten steht ein ca. 3 m hoher Baum, der, so wird jetzt deutlich, gar nicht so gedacht war. An sich sollte das eine üppig rosa blühender Baum sein. Die “wilde” Unterlage (blüht weiß) hat sich jedoch schon vor Jahren “frei” gemacht und den rosa-Blüten-Teil der Veredelung um Meter überwachsen:

unterlage macht sich frei

Der aufgepfropfte Baum-Teil ist verkümmert und wächst nur mehr spärlich und kümmert, weil die Unterlage ihre Kraft überwiegend für ihr eigenes Wachstum verwendet. Wenn man das jahrelang anstehen lässt, kriegt man dieses Ergebnis. Sieht fast so aus auf dem Foto, als ob es zwei Pflanzen wären, sind es aber nicht, sondern die Veredelungsunterlage hat mittlerweile aus dem Boden vier dicke Stämme gebildet.

unterlage

Zwei Ecken weiter steht ein ebenfalls ca 3 m hoher, sehr ähnlicher Baum in Blüte, der allerdings als Hänge-Zierkirsche gedacht war, was man an der Ast-Form des rosa-blühenden Baum-Teils noch erahnen kann:

veredelungsunterlage

Beide Wild-Bäume sind übrigens keine Kirschbäume.

Mein hartes Urteil: Geht gar nicht. Mag ja bizarr sein, so eine Pflanzen-Erscheinung, ist aber so absolut nicht gemeint.

Möglichkeiten:

1. Keine veredelten Bäume kaufen und pflanzen, wenn man sich nicht um sie kümmern will
2. Schneide-Faulheit überwinden
oder je nachdem
2b. “Ach-es-tut-mir-so-weh-ein-Pflänzchen-zu-schneiden” ganz schnell vergessen.
Und das frühzeitig.

Vor allem sollte man aber die Veredelungsstelle bei seinem Baum überhaupt optisch erkennen können, damit so was nicht passiert, wozu der oben verlinkte Beitrag zu Rosen-Wildlingen und Veredelungsstelle mehr Info gibt.

Ich hab die Tage einige wegen LIEBE ZUR NATUR und darum Nicht-schneiden-Mögen völlig verkahlte, 4 m hohe alte Rosen geschnitten, die es echt nötig hatten. Natur, Garten und Pflanzen lieben hat nichts mit Vorenthalten wichtiger Pflegemaßnahmen zu tun, schon gar nicht bei veredelten Kultur-Pflanzen! Der Fundamental-Naturliebhaber sollte dann vielleicht eher auf heimische Wildsträucher ausweichen, und nicht doppelmoralig die besonders hübsch blühenden Bäume für seinen Garten wählen, die mit Null-Schneiden nicht klarkommen.

Genug gewettert. :-)

Update: Entschuldigungsschreiben an den Baum

eingewurzelt unter: Gehölze

Alle anzeigen mit Stichwort:

Vor einem Jahr
Pfingstrose, kleinbleibend, Pfingstrose, gefiedert, Falsch gelagerte Rasensaat, Für kleine Wasserbecken



3 Kommentare bisher

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Schnick Schnack Schnuck, 27. April 2010, 11:06

Ein ähnliches Exemplar habe ich auch in unserem neuen Schrebergarten entdeckt. Bei Gelegenheit lad ich mal ein Foto hoch, vielleicht hast du ja ein paar Tipps, wie ich als Neuling da am besten vorgehen kann.

Gärtnerin, 28. April 2010, 08:43

Foto hochladen ist leider nicht, Sch….. Wenn dann an mich mailen. :-)
Im Grunde hast Du 3,5 Möglichkeiten: Wenn so stark fortgeschritten wie auf den Bildern oben wird man durch Radikal-Schneiden des kompletten wilden Teils bis unter die Veredelungsunterlage, einschl. ersatzloser Entfernung aus dem Boden getriebener Stämme, wahrscheinlich nicht mehr viel erreichen außer riesigen Schnittwunden und anschließend der Produktion neuer Wildtriebe, und dass die über Jahre gemickerte aufgepfropfte Pflanze danach vermutlich nicht bis schwer durchstarten will. Das ist die “halbe” Möglichkeit, weil der größte Eingriff und Erfolg ziemlich fraglich im Sinne von Baum zurückführen zu dem was er werden sollte. Bildlich gesprochen: Die Leitungsbahnen im Baum haben sich halt über die Jahre so entwickelt, dass die Haupt-Autobahnen quasi zum wilden Teil führen, und der Edel-Teil in einer kleinen Sackgasse nebenan liegt, aus der man so schnell keine Autobahn macht.

Ansonsten je nachdem:
1. Sich mit der Optik arrangieren
2. Sich mit dem Wild-Baum arrangieren und den veredelten Teil rausschneiden.
3. Baum umhauen und nen neuen pflanzen

Katharina, 03. Mai 2010, 21:33

Viel Glück mit den Rosen, hab beim Nachbarn sowas vor einigen Jahren gemacht, von den 6 Rosenpflanzen lenen noch drei. Allerdings hatten die auch schon beim radikalen Rückschnitt die zentralen Stengelanteile braun, also wärs vielleicht sowieso nur ne Frage der Zeit gewesen.

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