Uta · 30. September 2010, 22:35

Vertikalbegrünung nochmal, weils so schön ist

Ich habe Moos sehr gern. Es erzeugt eine Stimmung, die mit nichts vergleichbar ist. Natürlich nicht, wenn es sich gerade in einem Staudenbeet festgesetzt hat. Sondern in der Natur, an Felswänden vor allem. Wo Moos ist, riecht es immer gut, und es ist stiller als anderswo.

P1070641
Das Wort “verwunschen” trifft eigentlich am besten, was ich meine. Das hier ist in der Sächsischen Schweiz.

Also konnte ich es nicht lassen, mir anzugucken, was Gärtnermeister Stefan Brandhorst in Kirchzarten macht.
Ich nenne ihn Mooses. Insgeheim, natürlich. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob er darüber lachen würde. Normalerweise lacht er schon, und gern. Aber mit den Moosen ist es ihm ernst. Er baut sie an, auf speziellen patentierten Vliesmatten:

P1010923
(Hier liegen frisch “geimpfte” Matten, die regelmäßig automatisch ihre Dosis Regenwasser kriegen.)

Man muss Geduld haben, sagt der Gärtner. Es dauert mindestens ein Jahr, bis sich auf dem Vlies ein zusammenhängender dicker grüner Moosteppich bildet.

P1010919
(Hier hat es ein Pflänzchen ganz eilig… Oder gehört das kleine Ding da gar nicht hin? Jedenfalls, etwa so hoch werden die grünen Teppiche, und sie sind immer für eine Überraschung gut, denn sie sind schließlich lebendig.)

P1010926
(Hier ein anderes Zwischenstadium. Schon etwas grüner, aber noch lange nicht fertig. Man sieht, dass viel Pflege nötig ist. Unter freiem Himmel wachsen die Moosmatten heran, es ist zu harken und zu jäten.)

Mit den fertigen Matten kann dann ganz entspannt gebaut werden. Sie werden wie Auslegware oder Tapete eingesetzt, natürlich außen. Grüne Wände, grüne Dächer, was man will. Das Moos auf dem Vlies ist unverwüstlich und verrutscht auch nicht, es lassen sich also auch ganz schräge Dächer mit dieser “Naturdachpappe” begrünen. Das Tolle ist, dass man diesen ganzen Unterbau nicht braucht wie sonst für begrünte Dächer, all die Kieselsteine etc., die grüne Dächer so dick und schwer machen.

Es sind spezielle Arten Moos, die auch Sonne vertragen. Brandhorst weiß über sie so viel wie Jogi Löw über Fußball. (Übrigens klingt er auch so ähnlich, wie wahrscheinlich die “meischten” Leute rund um Freiburg.) Mir war z.B. neu, dass Moose keinen “absoluten Welkepunkt” haben. Andere Pflanzen sind irgendwann für immer tot, wenn sie stark austrocknen. Moose nicht. Selbst total verdorrt sind sie nur scheintot. Ein paar Tropfen Wasser, und sie nehmen ihr gewohntes Leben wieder auf. Dass sie Stille und Sauberkeit erzeugen, liegt an ihrer großen Oberfläche und daran, dass Staub in der Luft für sie im wahrsten Wortsinn “gefundenes Fressen” ist. Sie verstoffwechseln ihn aktiv, denn Wurzeln haben sie ja nicht.

Inmitten der Mattenfelder stehen Wände.

P1010912
(Das sind Stellwände für Tests. Manche kriegen viel Sonne, andere wenig Sonne… Unterschiedliche Pflanzen müssen zeigen, was sie für eine Vertikalbegrünung zu bieten haben. Sie wurzeln in verschiedenen Substraten aus Erde und Langzeit-Dünger.)

P1010920

Und hier ist das Muster einer Stellwand für den Einsatz als Grundstücksbegrenzung zwischen Reihenhäusern. Oder als Zaun. Eine mooslose Version:

Foto
(Das ist kein fertiges Projekt, auch damit wird noch gearbeitet, es geht u.a. um die perfekte Bewässerung von ca. 20mal eine Minute pro Tag)

Es gibt Stellwände mit Moos und ohne. Man kann z.B. Moossamen anspritzen lassen und dann zusehen, wie die Pflänzchen erscheinen. Der Gärtner ist noch am Ausprobieren. Die Vertikalbegrünung, von deren Möglichkeiten und Vorteilen, wie Steffi berichtete, viel geschrieben wird, steckt in Deutschland in den Anfängen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass sie eine ganz gebäuchliche Sache werden wird. Der Effekt, wenn man davorsteht, ist ungemein überzeugend. Keine Mauer, kein Zaun, und auch keine berankte Wand trennt das eigene Gartenreich so nachdrücklich vom Rest der Welt.

Und das, ohne viel Gartenplatz wegzunehmen, die Trennwände müssen gar nicht besonders breit sein. Bestückt werden sie individuell, nach Gartenverhältnissen und Vorlieben des Besitzers, einseitig oder beidseitig.

Foto1
(Die Versuchswand oben von der Seite gesehen. Übrigens bleiben vor dieser Wand gern Rollstuhlfahrer stehen. Sie haben sonst wenig Chancen, Pflanzen so nahe zu sein. Mit derartigen Vertikalgärtchen könnten sie vielleicht sogar selbst ein bißchen gärtnern.)

Ich hätte ja am liebsten eine moosige Version. Etwa so:

P1070645
(Das ist nun wieder die Sächsische Schweiz)

Läßt sich machen, sagt der Gärtner, isch net schwierig.

Und hier mal die kühnsten Visionen der internationalen Vertikalbegrüner: (Habt bißchen Geduld, die tollsten Bilder kommen erst in der Mitte des Filmchens.)
http://www.youtube.com/watch?gl=DE&hl=de&v=63D2UkkTtBQ

eingewurzelt unter: Garten allgemein

Alle anzeigen mit Stichwort:

Vor einem Jahr
hello again...



12 Kommentare bisher

Kommentieren
Elisabeth, 01. Oktober 2010, 08:00

Moose finde ich, im Gegensatz zu vielen Nachbarn auch toll, so weich und frisch, am schönsten natürlich in der Natur. Doch in der Regel wird ihm in Wohngebieten mit dem Dampfstrahler der Garaus bereitet. Vor einigen Jahren wollte ich die hässlichen Waschbetonplatten vor meinem schattigen Nord-Hauseingang bemoosen, da habe ich nur Kopfschütteln geerntet. Hat aber trotzdem durch bestreichen mit verdünntem Naturjoghurt ganz gut funktioniert. Das Moos sollte man aber wegen der Rutschgefahr nur im Randbereich produzieren.

Gärtnerin, 01. Oktober 2010, 10:22

Danke für das Video, Uta. Toll, Patric Blanc-Projekte mal in bewegt zu sehen, das macht sie nämlich noch ungeheuerlicher, finde ich.

Betula, 01. Oktober 2010, 11:21

Ich find das einfach klasse was Patric Blanc da macht! Ob wir in ein paar Jahren öfter solch grüne Fassaden zu sehen bekommen? Fänd ich schön! Vorallem würd ich so was gerne mal in Natura sehen.
Auch was “Mooses” macht ist toll. Gerade für kleine Gärten wären solch grüne Trennwände eine Bereicherung.

Uta, 01. Oktober 2010, 13:44

Elisabeth, ich stelle mir lebhaft vor, wie du diese Platten mit Joghurt bestreichst und die Leute gucken… Eine wirklich filmreife Szene! Da wäre ich gern Mäuschen gewesen. Die Idee überhaupt finde ich klasse!

Dass wir demnächst mehr grüne Fassaden zu sehen kriegen, denke ich schon, Betula. Die Leute sind offener für sowas geworden und es ist technisch mehr machbar. Mit den Trennwänden liebäugele ich auch. So auf 3-4 Metern Länge als Gartenzaun an einer Stelle, wo wir Sichtschutz wollen, aber eine Mauer wahrscheinlich eine Baugenehmigung erfordern würde. Außen würde ich nur Moos anspritzen lassen und innen gern in den “Taschen herumgärtnern: Farne etc., bißchen was Blühendes. Wasserzufluss könnte aus dem Teich kommen… Ach, das wäre schön. Ich merke es mir vor.

Lebensmittel, 01. Oktober 2010, 20:33

Ich finde das Thema super spannend. Vor allem in Städten, wo Platz ohnehin knapp bemessen ist, stellt diese Art des Gartenbaus eine interessante Möglichkeit dar, Innenstädte viel interessanter zu gestalten. Gedanken mache ich mir allerdinds wegen dem Wasserverbrauch – der vermutlich deutlich höher als in einem herkömmlichen Garten ausfallen wird – und dem erhöhten Pflegeaufwand – vor allem, wenn nicht nur Moos eingesetzt wird. Brauchen Gebäudereiniger zukünftig auch eine Zusatzausbildung zum “Fasadengärtner”? ;-)

Betula, 02. Oktober 2010, 00:17

Hallo Uta, ich will dir deine grüne Wand nicht vermiesen, aber bei uns in der Gemeinde wird im Baurecht, soweit ich weiß, von “geschlossenen Einfriedungen” gesprochen. Da ist es egal, ob Mauer oder Baumarkt-Holzwand oder auch begrünte Wand. Wäre schön, wenn es anders wär, dann hätte auch ich ein Problem weniger. Aber vielleicht ist das bei euch in Berlin auch anders geregelt.
LG
Betula (die dir für deine grüne Wand die Daumen drückt)

Uta, 05. Oktober 2010, 00:12

Betula, sind bei Euch wirklich auch Sichtschutzwände, sagen wir mal auf einer Länge von 3-4 Metern, genehmigungspflichtig, wenn ein Haus sonst nur einen ganz niedrigen Zaun hat? Wo müsste man denn mit so einem Antrag hingehen? Und was passiert, wenn man einfach Tatsachen schafft? Es wäre schön, wenn das jemand wüsste und einfach mal sagt. Sonst krieg ich’s natürlich auch irgendwie raus. Bauamt?

Zum Wasserverbrauch “vertikaler Wände”: Gute Frage, ob sie viel brauchen… Ich glaube, die werden nur sachte von innen betröpfelt, nicht etwa von außen großzügig geduscht. Auf jeden Fall aber müssen die vertikalen Gärten auch ab und an gepflegt werden. Moose wahrscheinlich am wenigsten. Aber die Pflanzen in den “Taschen” schon. Mal rausnehmen, ev. teilen, wenn sie sich zu stark vermehren, oder auch auswechseln. Ich sah das am Berliner Kaufhaus Lafayette, das eine grüne Wand trägt. Da war mal eine Stelle ziemlich kahl geworden. Jetzt ist es wieder schön. Aber wer’s gemacht hat? Fassadenreiniger mit Zusatzausbildung? Besonders sportliche Gärtner… Auf jeden Fall ist es der Beginn einer ganz neuen Art von Dienstleistung, Lebensmittel, das denke ich auch. :)

Valeska, 05. Oktober 2010, 09:25

Tolle Idee mit der vertikalen Bepflanzung. Ich persönlich bin ein großer Freund von Moos in jeder Variation, vor allem in weitläufigen Wäldern und an Felswänden. Wenn man lange genug wartet, dann kommt bestimmt auch mal eine Fee vorbei. ;)
In Bezug auf die Begrünung hätte ich noch eine andere Frage: Was ist denn, wenns der Nachbar nicht mag oder es als Unkraut empfindet? Dann hat man den Salat, im wahrsten Sinne des Wortes.

Betula, 05. Oktober 2010, 12:57

Meines Wissens ist es so, dass Sichtschutzwände bei uns in der Gemeinde zu den “geschlossenen Einfriedungen” zählen und ab der Höhe von 1,20 m (im Bereich wo das Haus steht ab 1,80 m, ist kompliziert, gell? Es kommt, glaube ich, auch noch darauf an, ob die Wand direkt auf der Grenze steht oder ein paar Meter weg.) genehmigungspflichtig sind. Aber in diesem Falle gilt: “Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter”. Wenn sich also die Nachbarn einig sind, schert sich niemand drum. Schwierig wirds wenn, wie bei uns, an der Grundstücksgrenze ein öffentlicher Weg entlang führt. Zuständig ist meines Wissens das Bauamt.
Es ist übrigens auch geregelt wie hoch eine Hecke sein darf. Da kommt es ebenfalls auf den Abstand zu Grenze an.

Uta, 05. Oktober 2010, 16:41

Valeska, ich könnte mir vorstellen, dass Nachbarn sogar die Kosten für eine solche Trennwand miteinander teilen könnten. Auf keinen Fall würde ich die Rückseite meiner Wand für jemanden bepflanzen lassen, der einen ganz anderen Geschmack hat. Da käme dann bestenfalls eine Moosanspritzung drauf.
Und was, wenn er Moos hasst? Tja. Die Trennwand ist ja quasi der Zaun… Eigentlich muss man als Nachbar doch damit leben, was einem der andere als Zaun vor die Nase setzt. Wenn mein Nachbar, Gott behüte, jetzt etwas mit goldenen Schnörkeln an seine Grundstücksgrenze setzt, muss ich damit leben, oder?

Betula, danke für die Infos. Im Prinzip finde ich ja gewisse allgemeine Gestaltungsregeln in Siedlungen in Ordnung. Aber leider auch sehr lästig. Das scheint vielen so zu gehen. Ich komme oft an Grundstücken vorbei, die von unüberschaubaren Hecken, Mäuern oder Zäunen umgeben sind. Die werden wohl kaum alle genehmigt sein…

Betula, 05. Oktober 2010, 21:56

Ich gehe auch davon aus, dass nur ein ganz kleiner Teil der “geschlossenen Einfriedungen” genehmigt ist. Viele wissen ja nicht mal, was erlaubt ist und sehen nur was andere als Sichtschutz aufstellen. Selbst möchte ich aber nicht das Risiko eingehen, eine teure Mauer o. ä. rückbauen zu müssen. Bei Baumarkt-Holzsichtschutz hält sich der Aufwand und die Kosten ja noch in Grenzen. Aber die gefallen uns nicht so recht.

Uta, 11. Oktober 2010, 22:57

Also, ich habe mich jetzt mal bei Gärtnermeister Stefan Brandhorst erkundigt, wie es um die Bewässerung, Pflege und Genehmigung seiner vertikalen Stell-Wände steht. Er schrieb:

Die Sichtschutzelemente brauchen ca. 5 bis 10 l Wasser pro qm Vertikalbegrünung am Tag. Davon laufen ca. 1/3 raus.* Deshalb habe ich mittlerweile ein Umlaufsystem entwickelt. Das lohnt sich aber nur, wenn die Anlage groß genug ist. Für das Umlaufsystem braucht man eine Auffangrinne und Leitungen, die das Wasser in eine Zisterne zurückführen. Mit der Zisterne kann man natürlich auch Regenwasser sammeln und das verwenden. Über eine Pumpe wird dann das Wasser in das System gepumpt. Je nach Aufwand kann die Pumpe über ein Steuergerät mit Pumpensteuerrelais oder nur über eine Zeitschaltuhr gergelt werden. Ganz komfortabel ist eine Nachspeiseeinrichtung, die fehlendes Wasser in die Zisterne füllt.
* Jetzt lasse ich ein Vlies exklusiv für die Vertiko-GmbH produzieren, dass das Wasser sehr gut halten kann und auch in sich transportiert. Man kann mit Intervallschaltungen so spielen, dass nahezu kein Wasser aus der Wand läuft.
Die Pflege ist recht gering. Je nach Pflanzung sind 2 bis 4 Pflegegänge/Jahr durchzuführen. Dazu gehört dann aber auch die Wartung der Wasseranlage.
Für die Abstimmung mit den Nachbarn gilt das Nachbarschaftsgesetz der jeweiligen Bundesländer. In Ba-Wü z.B. darf auf der Grenze bis 1,50 m hoch blickdicht gebaut werden. Alles was höher ist, muss um den Mehrbetrag zurückgesetzt werden. Wenn man also eine 1,80 m hohe Sichtschutzwand baut, muss man sie 30 cm von der Grenze abrücken. bei 2,00 m Höhe 50 cm usw. Wenn das eingehalten wird, gibt es auch keine Genehmigungspflicht. Man kann sich auch mit den Nachbarn auf eine gemeinsame Lösung einigen, wenn beide einen Sichtschutz wünschen. Das sollte aber schriftlich fixiert werden.

Kommentar hinterlassen

Deine Mailadresse wird nicht angezeigt.

zur Gartenblog-Startseite